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Warum wir nicht einfach zum ‚Normalzustand‘ zurückkehren können: 5 Appelle für eine nachhaltigere Wirtschaft nach der Krise*

Ein Beitrag von Kristina Bogner, Matthias Müller, Andreas Pyka, Michael P. Schlaile und Sophie Urmetzer.

Überall auf der Welt werden Forderungen nach Strategien zur schnellen Rückkehr in ein ’normales‘ Leben nach der COVID-19-Krise laut. Aufgrund der schweren wirtschaftlichen Einschnitte und der erschreckenden Verluste von Menschenleben und Lebensgrundlagen laufen Ideen zur Umgestaltung des Wirtschaftssystems in Richtung Nachhaltigkeit Gefahr, von diesen Forderungen nach einer raschen Rückkehr zur Wirtschaft vor der Krise verdrängt zu werden. Solche Stimmen, die für ein schnelles „zurück zum Normalzustand“ plädieren, ignorieren, dass die Volkswirtschaften bereits vor der Pandemie kränkelten und schon lange vor COVID-19 einen Nährboden für zahlreiche verhängnisvolle Probleme boten.

1. Lasst uns die ‚wicked problems‘ nicht aus den Augen verlieren!

COVID-19 ist derzeit die am weitesten verbreitete wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedrohung, die andere verhängnisvolle Probleme (sogenannte ‚wicked problems‘) wie Ungleichheit und Armut, Hunger und Populismus noch deutlicher aufdeckt und sogar weiter verschlimmert. Diese Probleme sind verhängnisvoll oder „wicked“ in dem Sinne, dass sie hochgradig miteinander verflochten und in einer Art und Weise in die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Systeme eingebettet sind, die kaum zu erfassen ist. Der Versuch, eines dieser Probleme anzugehen oder gar zu lösen, kann häufig andere derartige Probleme noch verschlimmern. Dies ist einer der Gründe, warum diese und andere miteinander verbundene Probleme eine menschenwürdige Lebensweise auf der Erde gefährden. Die aktuellen Reaktionen auf die Pandemie zeigen einmal mehr, wie häufig Wirtschaftswachstum, Umsätze und Gewinne gegen andere Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen („sustainable development goals“ = SDGs) – wie Gesundheit und Wohlergehen, keine Armut und Maßnahmen zum Klimaschutz – ausgespielt werden. Für eine sehr kurze Zeit haben die Regierungen aufgrund von COVID-19 der Gesundheit der (meisten) Bürger Vorrang eingeräumt. Jetzt, da die verschiedenen Auswirkungen der Abriegelung und Ausgangsbeschränkungen immer unangenehmer und deutlicher spürbar werden, vertiefen sich die Zielkonflikte zwischen den einzelnen SDGs einmal mehr.

2. Lasst uns manche Aspekte dieser Krise als eine Chance für Veränderungen erkennen!

Wenig überraschend gibt es viele widersprüchliche und konkurrierende Visionen für Wirtschafts- und Lebensweisen nach der Pandemie. Diese reichen von der schnellstmöglichen Wiederaufnahme bzw. Wiederherstellung des alten Wirtschaftssystems bis hin zu einer Vielzahl unterschiedlicher Konzepte eines so genannten „post-growth“ Wirtschaftssystems, in dem Unternehmensgewinne den Menschen und dem Planeten dienen (und nicht umgekehrt). Trotz dieser divergierenden Visionen sind sich viele darin einig, dass sofort Maßnahmen von beispielloser Tragweite erforderlich sind, um die genannten verhängnisvollen Probleme nicht noch weiter zu verschlimmern.

Wie auch wir sind die Menschen weltweit zu Recht erschüttert über die durch die Pandemie jetzt und in der Zukunft verursachten sozialen und wirtschaftlichen Folgen und Verluste. COVID-19 zeigt uns aber auch eindringlich, wie schnell sich Gesellschaften an notwendigen Wandel und notwendige Veränderungen von Verhaltensweisen anpassen können: Vor allem diejenigen unter uns, die in reichen Industrienationen leben und bisher viele Gewohnheiten und Praktiken nicht nur für selbstverständlich, sondern gar für alternativlos hielten, sind nun eines Besseren belehrt worden. Noch vor einigen Monaten schien es für viele unvorstellbar, weniger zu konsumieren, auf das Fliegen zu verzichten, von zu Hause aus zu arbeiten oder sich auf konzertierte politische Interventionen im globalen Maßstab zu einigen (oder sich ihnen zumindest unterzuordnen). Dies zeigt uns, dass neben den vielen erschreckenden negativen Auswirkungen die plötzliche Abriegelung ein unerwartetes Zeitfenster für Gelegenheiten bzw. ein „window of opportunity“ für ein potenzielles Überdenken festgefahrener Praktiken, Weltanschauungen und Paradigmen eröffnet hat.

3. Lasst uns die Gelegenheit nutzen!

Von gesellschaftlichen Gruppierungen wie der Fridays For Future-Bewegung und verschiedenen wissenschaftlichen Gremien wird zunehmend anerkannt, dass wir das „weiter wie bisher“, das „business as usual“ aufgeben müssen. Der gegenwärtige Schwung könnte genutzt werden, um die Kluft zwischen den SDGs zu überbrücken und tragfähige, nachhaltige Volkswirtschaften mitzugestalten, die auf dem Wissen über die untrennbare, einander beeinflussende Verbindung zwischen menschlichen Sozialsystemen und dem Erdsystem aufbauen.

Noch ist unser „window of opportunity“ offen. Es ist noch nicht zu spät, um zu entscheiden, ob wir es für tiefgreifende, langfristige Transformationen, wie z.B. eine Transformation hin zur Nachhaltigkeit, nutzen oder ob wir es wieder schließen lassen und zum alten Status quo zurückkehren, nachdem wir diese unmittelbare Bedrohung überwunden haben. Um die Gelegenheit für einen tiefgreifenden Wandel zu nutzen, müssen wir uns fragen: Was wollen wir transformieren oder erhalten, durch und für wen, und schließlich wie?

4. Lasst uns nicht zur ‚Normalität‘ zurückkehren!

Menschen neigen dazu, an alten Gewohnheiten, dem Bekannten, dem vermeintlich Sicheren, festzuhalten. In der gegenwärtigen Situation sollten wir jedoch zweimal darüber nachdenken, ob wir wirklich zur Normalität zurückkehren wollen, denn ’normal‘ ist der Ursprung vieler unserer verhängnisvollen Probleme. Und machen wir uns nichts vor: COVID-19 ist nur eines davon. Genau das ist der Grund, warum das Wiederaufnehmen der Wirtschaft mit all ihren Fehlern auf mittlere bis lange Sicht katastrophal sein wird. Politische Maßnahmen, die darauf abzielen, so schnell wie möglich die gleichen Wachstumsraten, Absätze und Konsumniveaus wie vor der Krise zu erreichen, sind geradezu leichtsinnig. Wir müssen ein neues „Normal“ finden. Ein neues Normal im Sinne von alternativen Systemen, die sich der Lebensqualität, der inter- und intragenerationellen Gerechtigkeit und einer tragfähigen Balance von sozialen und ökologischen Systemen verschreiben. Dadurch können wir das alte Normal, das hauptsächlich der Gewinnmaximierung und dem Shareholder Value verpflichtet ist hinter uns lassen.

5. Stellen wir uns auf Unsicherheit ein!

In den Debatten über Strategien nach der Pandemie scheinen die Stimmen lauter zu werden, die eine Pause von der (ökologischen und auch sozialen) Nachhaltigkeit zugunsten einer wirtschaftlichen Erholung fordern. Dies ist angesichts der Unmittelbarkeit dieser existenzbedrohenden Situation, die uns alle in vielerlei, aber teils auch sehr unterschiedlicher Hinsicht betrifft, nicht überraschend. Allerdings schließt sich das Zeitfenster der Möglichkeiten schnell. Jetzt ist es an der Zeit, das Momentum zu nutzen und sich in höchst unsicheres Gebiet zu wagen. Unsicherheit, Unvorhersehbarkeit, eventuelle Nichtkontrollierbarkeit sind schwer zu akzeptieren. Gerade deswegen müssen wir unserem Drang widerstehen, uns von Politikern und anderen Akteuren leiten zu lassen, die die bekannten finanziellen „Allheilmittel“ versprechen und ausschließlich auf diese setzen. Nachhaltige und grundlegend neue Lebensweisen erfordern Mut und auch Opferbereitschaft. Sie erfordern neue Formate der Regierungsführung oder Governance, die auf unvorhergesehene Entwicklungen reagieren und sich an plötzliche Veränderungen anpassen können. Politische Entscheidungsträger und Bürger auf der ganzen Welt müssen empfänglich sein für die Kreativität, Solidarität und den Einfallsreichtum, die viele Einzelpersonen und Gemeinschaften im Umgang mit den unerwarteten Härten der vergangenen Wochen bewiesen haben.

*Dieser Beitrag wurde zuerst von den Autoren (Kristina Bogner, Matthias Müller, Andreas Pyka, Michael P. Schlaile und Sophie Urmetzer) in englischer Sprache auf dem Blog LSE Business Review unter folgendem Titel veröffentlicht: Why we can’t go back to ‘normal’: 5 appeals for a sustainable post-pandemic economy

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